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Von jomo (5. Juni 2013, 16:37) Forum: PositHiv & Hetero |
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Von Patrick (17. Februar 2013, 15:03) Forum: PositHiv & Hetero |
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Von Holzwurm (23. April 2013, 19:04) Forum: Aus dem Leben gegriffen... |
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Von berliner30 (9. Mai 2013, 10:51) Forum: PositHiv & Hetero |
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Von engel (23. April 2013, 10:06) Forum: Aus dem Leben gegriffen... |
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Von kabag65 (10. Oktober 2012, 12:07) Forum: Aus dem Leben gegriffen... |
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Von Patrick (21. April 2013, 19:49) |
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Von Patrick (6. August 2012, 16:11) Forum: Treffen + Aktionen |
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Von Holzwurm (14. April 2013, 11:31) |
Sie war streitbar, mutig und für ihre Mitmenschen manchmal eine Herausforderung, aber auch ein immerwährender Quell der Inspiration. Am 29. Mai wurde die Aids-Aktivistin Petra Klüfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt. Wir haben unter ihren Freunden und Weggefährten Erinnerungen und letzte Grüße gesammelt.
„Mach du mal. Ich muss mal auf’n Entsafter.“
So beendete Petra Klüfer mal ein Gespräch zwischen uns beiden. Dafür mochte ich sie. Ihre direkte und uncharmante Art, doch nie verletzend, obwohl sie selbst so viel Verletzung erfahren hatte. Ihre unbedingte Solidarität, durch eine HIV-Infektion plötzlich zwischen verrückte Homos katapultiert, hat mich immer beeindruckt.
Ihr langsamer Abschied, immer unterbrochen von Ausbrüchen voller Energie und auch Wut, ließ mich ratlos und auch verängstigt zurück. „In Hamburg sagt man tschüs“ habe ich gelernt. Also: Tschüs, Petra. Mit Dir und durch Dich habe ich viel gelernt und manchen Stoff gesammelt, der mich weiter beschäftigen wird.
Carsten Schatz
Dein Engagement, Deine Frechheit, Deine Schlitzohrigkeit, Deine Frivolität
Petra! Du bist unvergesslich!
Dein Witz, Deine Beharrlichkeit, Dein Biss, Deine Energie, Dein Engagement, Dein Nachhaken, Deine Frechheit, Deine Schlitzohrigkeit, Deine Frivolität, Deine Ernsthaftigkeit, Deine Reiselust, Deine Unverschämtheit, Deine Liebenswürdigkeit, Dein Mut, Deine Unverfrorenheit, Dein Zuspätkommen, Dein Auf-die Nerven-Gehen, Deine Freundlichkeit…
Und bei allem: Dame konntest Du auch – und das hast Du uns immer wieder gern gezeigt! Überraschend warst Du auch. Du hast Dich verdient gemacht!
Danke!
Rainer Ehlers
Du wirst mit Deiner Zugewandtheit, mit Deinen Ecken und Kanten sehr fehlen
Denk ich an Petra, bei Tag oder Nacht, fallen mir unheimlich viele Begegnungen mit dieser besonderen, speziellen, interessanten, nicht immer einfachen, immer äußerst bunten und lebendigen, sehr interessierten, kämpferischen, gerechtigkeitsliebenden, engagierten, schrillen, tiefsinnigen Frau ein.
Die wenigen ruhigen Minuten, die einen persönlicheren Blick auf eine mit sich selbst ehrlichen Frau zuließen, hatten wir auf langen Autofahrten, auf denen Petra meist durch sehr viele Pinkel- und Rauchpausen meine geplante Fahrtzeit völlig sprengte – und die sehr schön waren.
Für mich bleiben Fragen – wie viel Petra kannte ich wirklich, und ist das wichtig? Wie hätten ihre letzten Jahre mit anderen Versorgungsangeboten aussehen können?
Liebe Petra, Du wirst mir mit Deiner Zugewandtheit, mit Deinen Ecken und Kanten sehr fehlen und unvergesslich bleiben.
Sylvia Urban
Als Aktivistinnen lernten wir uns 1997 kennen, und später freundeten wir uns an. Unsere privaten Treffen waren oft mit Themen der Selbsthilfe besetzt, unter anderem auch mit der Frage der Selbstbestimmtheit bis zum Schluss. Petra erlebte ich immer als wachen, offenen und selbstbewussten Menschen, der gern lachte, diskutierte und sich durch seine Sprachbegabung leicht mit anderen Nationalitäten anfreunden konnte.
Und: Petra war authentisch! Immer! Sie fiel durch ihren leicht schrillen, extravaganten und bunten Kleidungsstil und ihre dunklen Zigarillos auf. Ich fand‘s toll.
In ihren drei letzten Jahren durfte ich sie enger begleiten und merkte, auch wenn ihr ihre Krankheit oft ein Schnippchen schlug: Selbstbestimmt blieb sie immer.
So zum Beispiel ihr erkämpfter Umzug nach Berlin und, als es körperlich und seelisch nicht klappte, wieder zurück. Das war nicht einfach zu bewältigen!
Petra, ich wünsch Dir alles Liebe, und wo immer Du auch bist: Schwing das Zepter weiter!
Sabine Weinmann
Du warst streitbar, geradlinig und eine Lichtgestalt.
Meine Erinnerung an Petra (eine von vielen): 1999 AIDS-Impact Ottawa, mein erster internationaler Kongress. Airport London Heathrow: Die Maschine nach Kanada muss warten, weil eine Passagierin im Rollstuhl fehlt: Petra.
Ich fragte sie wenige Stunden später (mittlerweile vermochte sie wieder sehr gut zu laufen): „Warum der Rollstuhl?“ Petra: „Dann wird man nicht auf Gras kontrolliert.“ Petra…. mach et joot!
Stephan Gellrich
Liebe Petra,
Du warst streitbar, geradlinig und eine Lichtgestalt. Ich bin traurig über Deinen Leidensweg und vermisse Dich.
Siegfried
Vieles, was Dich, Petra, ausmacht, ist schon auf Deiner berührenden Beerdigung gesagt worden. So möchte ich Dir hier nur noch danken, dass Du mich kurz nach meiner eigenen HIV-Diagnose 1997 so herzlich unterstützt hast. Und noch mehr: Dank Deiner Offenheit, Deinem scheinbar selbstverständlichen Umgang mit HIV und all den Begleiterscheinungen, unter denen Du zu leiden hattest, hast Du mir beigebracht, wie man mit HIV leben kann. Das wird mich mein Leben lang begleiten.
Dirk Hetzel
Nachruf auf Petra Klüfer von Bernd Vielhaber
Es ist kein Zufall, dass HIV-Positive überdurchschnittlich oft an Depressionen leiden. Eine chronische Krankheit ist eine große Belastung. Und oben drauf kommt eine weitere Bürde: Die strengen Normen der Leistungsgesellschaft verlangen von jedem Einzelnen ein effizientes Krankheitsmanagement.
Leidest du noch an Depressionen, oder hast du schon Burn-out? Betroffenen muss es wie ein schlechter Witz vorkommen: Kaum haben die Depressionen den Ruch des Irrsinns und der Klapsmühle verloren, werden sie schon wieder aus der öffentlichen Debatte verdrängt. „Burn-out“ beherrscht die Schlagzeilen. Das Ausgebrannt-Sein der Leistungsträger hat es in kürzester Zeit zu größter medialer Popularität gebracht. Das gibt einen interessanten Hinweis auf die Bedingungen einer Leistungsgesellschaft, die höchste Anforderungen an uns alle stellt – selbst an kranke Menschen. Das hat auch Auswirkungen auf Menschen, die mit HIV leben und sehr viel häufiger an Depressionen leiden als solche ohne HIV-Infektion.
Melancholie: zu viel schwarze Galle im Blut
Die Depression wurde stets auf verschiedene Art betrachtet, das Burn-out ist nur das jüngste Etikett. Wie die „Niedergedrücktheit“ ihren Weg in unser Jahrhundert fand, kann ein kurzer geschichtlicher Abriss verdeutlichen: Im 2. Jahrhundert vor Christus beschrieb der griechische Arzt Galen die Neigung zu Trübsinn, Trauer und Schwermut als Folge eines Ungleichgewichts der Körpersäfte, zu viel schwarze Galle ergieße sich ins Blut. Das griechische Wort dafür war Melancholie. Melancholie galt als Krankheit.
Nur kurzzeitig – in der Romantik – gab es den Versuch, der Niedergeschlagenheit im Rahmen des Genie-Kults auch einen schöpferischen Wert zuzusprechen. Im aufkommenden Leitbild des rationalen und aufgeklärten Menschen geriet die Melancholie jedoch in den Ruf der Unvernunft. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird Melancholie durch das Wort Depression ersetzt – und ist von nun an Gegenstand der neuen Wissenschaften Psychotherapie und Psychopharmazie. Galens These der schwarzen Galle ist wissenschaftlich längst überholt.
Die heutige Medizin vermutet als Ursache von Depressionen eine Stoffwechselstörung, ein Ungleichgewicht innerhalb der für die Verarbeitung von Reizen so wichtigen Neurotransmitter. Sicher ist es kein Zufall, dass die Medien von all diesen Botenstoffen das „Glückshormon“ Serotonin am meisten lieben. Von Dunkelheit ist keine Rede mehr.
Wer depressiv ist, leidet an zu viel Lebensangst und zu wenig Lebensfreude
Zu solchen Erklärungsmodellen treten Ansätze, die die persönlichen Erfahrungen und das gesellschaftliche Umfeld eines Menschen mit Depressionen in den Blick nehmen. Wer depressiv ist, leidet an – grob gesagt – zuviel Lebensangst und zuwenig Lebensfreude. Warum aber wurde Depression als Thema so lange gesellschaftlich ausgeblendet? Und woher kommt die gerade erwachte Neugier aufs Burn-out?
So wie Depression oft sehr vielfältige Aspekte des Lebens umfasst, wird auch das modische Burn-out meist sehr undifferenziert benutzt und mit Depression gleichgesetzt, weil sich die Symptome der körperlichen wie seelischen Erschöpfung ähneln. Tatsächlich aber meint Burn-out die Folgen von zu viel Stress am Arbeitsplatz – ein Umstand, der die Bewertung als „Krankheit“ entscheidend beeinflusst. „Während Depression ein negativ besetzter Begriff, nahezu ein Stigma ist, hat Burn-out einen positiveren Klang, weil man impliziert, dass es nur die trifft, die viel leisten“, erklärt Kristina Leuner, Professorin an der Universität Erlangen, in einem Interview für die Pharmazeutische Zeitung.
Der Verdacht liegt nahe, dass auch im Umgang mit psychischen Krankheiten die wirtschaftliche Entwicklung den Takt vorgibt. Schon oft wurde die Depression in Beziehung zu wirtschaftlichen Krisen gesetzt. Die Börsenkrise 1929 wird „die große Depression“ genannt. Und in der Studie „Der niedergeschlagene Mensch“ konstatiert Charlotte Jurk, dass Depression als „Volkskrankheit“ um das Jahr 2000 im Umfeld des großen Börsencrashs „populär“ geworden sei. Der neue Begriff Burn-out verweist allgemein auf eine Arbeitswelt, die als zunehmend fordernder wahrgenommen wird. Neue Medien, ökonomische Krisen, Konkurrenz, Mobbing und Prekarisierung erhöhen den Druck auf Arbeitnehmer/innen, sich den verschärften Rahmenbedingungen anzupassen. All dies sind Momente, die letztlich zu Ursachen einer Depression werden können, zumal bei Eintritt einer schmerzhaften Änderung im Leben, sei es durch Trennung, Krankheit oder Tod eines Angehörigen.
Anders als die Depression wird das Burn-out als gesellschaftliches Problem akzeptiert
Wenn „Burn-out“ trotzdem einen „positiveren Klang“ hat als „Depression“, dann deshalb, weil es innerhalb der Normen einer Leistungsgesellschaft verhandelt und als gesellschaftliches Problem akzeptiert wird. Dagegen erscheint die Depression nach wie vor als Problem des Einzelnen – genau wie neuerdings auch eine HIV-Infektion zur Privatsache erklärt wird.
Die erfolgreiche Behandlung von HIV-Infektionen hat die Wahrnehmung der Immunschwächekrankheit verändert. Vom „Todesurteil“ ist sie zu etwas geworden, mit dem sich leben lässt. Dies stellt HIV-Positive vor neue Herausforderungen sowohl in der persönlichen Lebensgestaltung als auch seitens einer Leistungsgesellschaft, die erwartet, dass man mit der Krankheit zurechtkommt. Das kann einerseits Ursache von Depressionen sein, andererseits den Druck auf depressive Menschen mit HIV erhöhen.
Bei mindestens einem Drittel aller HIV-Positiven treten im Laufe des Lebens treten depressive Symptome auf. So warnte der Psychologe und DAH-Referent Karl Lemmen in einem Interview davor, die Bedeutung von Depressionen zu unterschätzen: „Man darf nicht vergessen, welchen permanenten Stress das Leben mit der Diagnose darstellen kann, gerade bei Menschen, die schon sehr lange mit der Krankheit leben. […] Die finanziellen Ressourcen sind vielleicht aufgezehrt, die beruflichen Perspektiven schwierig. All das kann eine ungeheure Belastung sein und zu einem positiven Burn-out, zu einer Depression führen.“
HIV-Positive mit Depression stehen vor einem mehrfachen Problem: Sie sollen die Infektion genauso wie das tägliche Leben „in Griff bekommen“ – sei es mit Medikamenten oder sonst einer Therapie. Sie sollen eine Leistung vollbringen, zu der sie sich – das ist nun mal die Krux einer Depression – gerade nicht imstande sehen. In solch einer Lebenssituation können die hohen Normen einer Leistungsgesellschaft schnell zur Zumutung werden: Spaß haben, fit bleiben, flexibel und mobil sein, in Freizeit wie Beruf.
Die Behandlung einer HIV-Infektion wie einer Depression erfordert Geduld
Es sei daran erinnert, dass – trotz aller medizinisch-therapeutischen Möglichkeiten – die Behandlung einer HIV-Infektion wie einer Depression Geduld erfordert. Im letzteren Falle hängt es natürlich von der Schwere der Erkrankung ab. Nur: „Schnell und einfach“ ist eine Behandlung nie. Und ist es nicht mittlerweile eine übliche Erwartung, dass HIV-Positive ihre Krankheit problemlos „managen“? Eine Überforderung in der Arbeitswelt scheint allerdings derzeit gesellschaftlich weitaus mehr Verständnis zu wecken als die Überforderung durch das ganz normale Leben. Mitleid also für die Leistungsträger mit Burn-out, für HIV-Positive mit Depression nur ein herzhaftes „Reiß dich doch mal ein bisschen zusammen“?
Man kann es auch anders sehen: Vielleicht führt das mediale Interesse für Burn-out letztlich zu einem besseren Verständnis von Depressionen und anderen Erkrankungen, die das Leben von Menschen dauerhaft verändern. Weder Depressionen noch eine HIV-Infektion müssen heutzutage „das Ende“ sein, dafür sorgen die moderne Medizin und viele Hilfsangebote. Dass beide Krankheiten noch als Stigma gelten, das zu ändern bleibt eine Aufgabe der Gesellschaft – und nicht allein der Erkrankten.
Rainer Hörmann
Literaturhinweis
Charlotte Jurk: Der niedergeschlagene Mensch. Depression – eine sozialwissenschaftliche Studie zu Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung einer Diagnose. Dissertation Uni Gießen 2005
Das Dossier HIV & Depression im Überblick
Teil 1: Depression – die unbekannte Volkskrankheit (13.06.13)
Teil 2: Grenzen der Belastbarkeit (13.06.13)
Teil 3: “Von Hühnern und Rosinen” – Paar-Reportage (13.06.13)
Teil 4: Was hilft bei Depression? Zehn Anregungen (14.06.13)
Teil 5: Pillen oder Psychologen? Was hilft besser gegen Depression? (14.06.13)
Teil 6: Keinen Nerv für die Gesundheit: Diskriminierung schürt Depression (15.06.13)
Teil 7: HIV und Depression? Alles im Griff! (15.06.13)
Depressionen und Angstzustände kommen bei schwulen und bisexuellen Männern doppelt so häufig vor wie bei heterosexuellen. Eine Ursache sind wahrscheinlich die vielen Diskriminierungserlebnisse, mit denen sie zurechtkommen müssen. Das belastet nicht nur persönlich, sondern torpediert auch die HIV-Prävention. Daten dazu liefern nun die Ergebnisse der Pilotstudie „Wie geht’s Euch?“
Diskriminierung kann schwule Männer depressiv machen. Das belegt eine Pilotstudie, die im Sommer 2012 mit Unterstützung der Deutschen AIDS-Hilfe durchgeführt wurde. Rund 1.600 schwule und bisexuelle Männer zwischen 16 und 77 Jahren beteiligten sich an der Online-Umfrage mit dem Titel „Wie geht´s Euch?“. Die nun vorliegende Auswertung liefert bedrückende Zahlen: Bei einem Drittel (33 Prozent) der Befragten deuten die Aussagen auf erhöhte depressive Symptome hin.
„Diese Werte sind überraschend hoch“, schreiben die Studienautoren Dr. Dirk Sander und Martin Kruspe, schränken allerdings ein: „Die Ergebnisse sind nicht zwangsläufig klinisch relevant, da nicht ermittelt werden kann, wie schwer die angegebenen Symptome wirklich sind.“ Auch seien die Umfragedaten mit äußerster Vorsicht zu interpretieren, da die Erhebung nicht repräsentativ sei. Jedoch lasse sich anhand dieser Zahlen „schon jetzt ein erhöhter Bedarf für präventive Angebote deutlich erkennen“.
Die Hälfte der Befragten berichtete von „Zurückweisung durch Familienmitglieder“
Eine wesentliche Ursache für die beunruhigenden Werte dürften die vielfältigen Diskriminierungen sein, denen schwule und bisexuelle Männer ausgesetzt sind. Die Hälfte der Befragten berichtete von „Zurückweisung durch Familienmitglieder“. Ungefähr zwei Drittel gaben an, antihomosexuelle Beschimpfungen erlebt zu haben. Gewalterfahrungen waren seltener (25 Prozent), diese hatten allerdings den größten Einfluss auf das seelische Wohlbefinden der Teilnehmer.
Die Studie liefert auch einige Hinweise, wie man der Entstehung von Depressionen vorbeugen kann. Ein Faktor war der offene Umgang mit der eigenen Homosexualität. Befragte, die bei „allen“ oder „fast allen“ Freunden und Bekannten geoutet waren, berichteten seltener von depressiven Symptomen. Günstig wirkt offenbar auch ein stabiles Sex- und Beziehungsleben: Von den Männern, die laut Angabe in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung keinen Sex hatten, berichtete ein höherer Anteil von depressiven Symptomen (46 Prozent) als von denjenigen, die in diesen Zeitraum einen oder mehrere Sexpartner hatten (29 und 26 Prozent). Bei Befragten, die in einer festen Beziehung leben, war der Anteil derer ohne depressive Symptome deutlich höher als bei Singles (76 zu 58 Prozent).
Den stärksten positiven Einfluss auf das seelische Wohlbefinden der Befragten hatte die soziale Unterstützung. Das entspricht auch allen vorliegenden medizinisch-psychologischen Erkenntnissen. Mit der Anzahl der unterstützenden Personen sank der Anteil derjenigen, die von häufigen depressiven Symptomen berichteten – und zwar von 74 Prozent („niemand“) auf 21 Prozent („10 und mehr Personen“).
Den stärksten positiven Einfluss hat soziale Unterstützung
Das Fazit der Studienleiter: „Gesellschaftliche Homonegativität hat offensichtlich massive Auswirkungen auf die Gesundheit schwuler und bisexueller Männer. Erfahrene Stigmatisierungen begünstigen die Internalisierung von Homonegativität und so die Anfälligkeit für seelische Probleme.“ Diese leisteten nicht nur unkontrolliertem Drogengebrauch Vorschub, sondern verhinderten auch eine erfolgreiche Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. „Viele Männer sind so sehr mit ihren psychischen Belastungen beschäftigt, dass sie gar nicht in der Lage sind, die bestehenden Gesundheitsangebote zu nutzen“, fasst Dirk Sander das Problem zusammen. „Sie haben keinen Nerv dazu – im wahrsten Sinn des Wortes.“
Interview mit Dr. Dirk Sander
Im folgenden Interview erläutert Dirk Sander, DAH-Fachreferent für schwule Männer, die Ergebnisse der Pilotstudie sowie den engen Zusammenhang zwischen seelischer Gesundheit und erfolgreicher HIV-Prävention.
Herr Dr. Sander, schwule und bisexuelle Männer leiden sehr viel häufiger an Depressionen als heterosexuelle Männer. Woran liegt das?
Das schwule Coming-out hört ja nicht an dem Tag auf, an dem man’s Mutti gesagt hat. Sich gegenüber anderen Personen, gegenüber der Gesellschaft mit dem eigenen Schwulsein auseinanderzusetzen, das ist ein lebenslanger Prozess. Dieser wird von einigen Männern als Stress erlebt und kann – neben vielen anderen Faktoren – langfristig zu einer depressiven Erkrankung führen.
Irgendwann ist der Topf dann voll, und der Körper sagt: „Mir reicht’s!“
Wie entsteht dieser „schwule Stress“?
Die Grunderfahrung ist die Auseinandersetzung mit der Homosexualität, die in allen Gesellschaften zumindest auf Vorbehalte stößt, oft sogar auf blanken Hass. Dazu kommen auch traumatische Erfahrungen, zum Beispiel mit Mobbing in der Schule oder im Job, im schlimmsten Fall sogar Gewalt. Diese Belastungen addieren sich im Laufe eines Lebens und formen die Persönlichkeit. Irgendwann ist der Topf dann voll, und der Körper sagt: „Mir reicht’s!“ Dann entsteht eine Depression.
Schwule neigen auch eher zum Konsum von Alkohol und Drogen. Ist das eine Folge dieser Stress-Erfahrungen – oder vielleicht auch eine Ursache von Depressionen?
Darauf gibt es keine einfache Antwort, weil hier zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Bei Alkohol und Drogen geht es zum Beispiel um die Frage, warum man sie nimmt: Will man damit vorhandene Freuden noch steigern? Oder dienen sie dazu, negative Erfahrungen auszublenden? Letzteres könnte eine sehr problematische Strategie zur Stressbewältigung sein und die Entwicklung einer Depression begünstigen.
Aber in Deutschland ist die Situation für Schwule doch rosig. Das Verfassungsgericht hat eben erst die volle Gleichstellung verlangt.
Die politische und rechtliche Situation schwuler Männer hat sich verbessert, das ist richtig. Aber offensichtlich kommen solche strukturellen Maßnahmen nicht oder kaum bei den Individuen an. Der Einzelne ist immer noch starken Stressoren ausgesetzt. Nur ein Beispiel: Die Ausgrenzung homosexueller Jugendlicher an Schulen bleibt die gleiche, auch wenn für Erwachsene die Ehe geöffnet wird. Ähnliches gilt für individuelle Gewalterfahrungen. Diese werden seit Ende der 80er-Jahre in den Studien von Michael Bochow abgefragt. Daher wissen wir: Der Anteil der Männer, die von antihomosexuellen Gewalterfahrungen berichten, hat sich im Laufe der letzten 25 Jahre nicht wesentlich verändert. Das zeigt auch die jüngste Bochow-Studie von 2013.
Klingt ausweglos.
Diese Tatsache ist ja nicht zwangsläufig. Aber wir müssen uns mit Ausgrenzung und Mobbing beschäftigen. Viele Kinder und Jugendliche lernen schon in der Schule, sich zurückzuziehen. Das sind Strategien der Stressbewältigung, die sie dann ein Leben lang anwenden werden. Die Sozialwissenschaft spricht hier von „Coping-Mechanismen“, von denen es problematische und empfehlenswerte gibt.
Hilfreich: mit anderen Ausgegrenzten eine Community bilden
In der Schule gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, sich mit anderen Ausgegrenzten zusammenzutun und eine „Community“ zu bilden. Für eine Broschüre zum Coming-out habe ich hierzu schwule Jugendliche befragt, und die haben damit sehr gute Erfahrungen gesammelt. Zur HIV-Prävention setzt die Deutsche AIDS-Hilfe deshalb auch auf Maßnahmen zur Community-Bildung, zur Selbstwertstärkung. Anders gesagt: Wir wollen die Männer dazu ermutigen, ihr Schwulsein als ein positives Identitätskonstrukt zu verinnerlichen.
Depressionen torpedieren laut Ihrer Studie auch die Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen.
Das wissen wir von unseren Vor-Ort-Arbeitern. Die gehen in die Schwulenszene und verteilen zum Beispiel vor Lokalen Kondome und Safer-Sex-Informationen. Dabei bekommen sie dann hin und wieder von den Gästen die Rückmeldung: „Ach, lasst mich in Ruhe. Ich habe ganz andere Probleme.“
Diese Aussage muss man ernst nehmen: Seit der großen EMIS-Studie wissen wir mit Sicherheit, dass mentale Probleme wie depressive Verstimmungen dafür sorgen, dass schwule Männer Gesundheitsangebote nicht wahrnehmen. Sie sind so sehr mit ihren psychischen Belastungen beschäftigt, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, sich mit Schutzbotschaften auseinanderzusetzen oder zum Beispiel HIV-Test-Angebote zu nutzen. Sie haben keinen Nerv dazu – im wahrsten Sinn des Wortes.
Je mehr Freunde jemand hat, desto weniger anfällig ist er für Depressionen
Was hilft denn gegen Depressionen?
Unsere Pilotstudie zeigt deutlich: der Freundeskreis ist wichtig! Je mehr Freunde oder unterstützende Verwandte die Befragten hatten, desto weniger anfällig waren sie für Depressionen. Ein stabiles soziales Umfeld ist eine gute Impfung gegen psychische Krankheiten.
Freunde haben – das ist leichter gesagt als getan. Wie könnte man denn die Betroffenen dabei unterstützen, Freunde zu finden?
Eine Möglichkeit für Aidshilfen und andere Präventionsprojekte sind zum Beispiel Ausgehgruppen. Sie bieten Neuankömmlingen einen leichten Einstieg in die Schwulenszenen. Und ganz generell bemühen wir uns, diese Szenen zu unterstützen, um einen Schutzraum zu schaffen. Es ist wichtig, dass Menschen einen Ort haben, wo sie so sein können, wie sie sind, wo sie sich nicht verstellen müssen.
Sie sprechen in Ihrer Studie von einem paradoxen Effekt: Einerseits haben schwule Männer, die offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen, seltener Depressionen. Andererseits berichten genau diese Männer häufiger von homonegativen Anfeindungen. Fördert ein Coming-out am Ende Depressionen?
Je offener ein schwuler Mann lebt, umso angreifbarer macht er sich. Ob die möglichen Anfeindungen ihn depressiv machen, hängt aber von vielen Faktoren ab, unter anderem von seinen Unterstützungsressourcen. Ist man isoliert, ist eine Anfeindung natürlich problematischer, als wenn man einen stabilen Freundeskreis hat, der einen dann auffängt. Je offener man ist, desto größer ist allerdings auch das Risiko, Diskriminierungen zu erfahren.
Interview: Philip Eicker
Das Dossier HIV & Depression im Überblick
Teil 1: Depression – die unbekannte Volkskrankheit (13.06.13)
Teil 2: Grenzen der Belastbarkeit (13.06.13)
Teil 3: “Von Hühnern und Rosinen” – Paar-Reportage (13.06.13)
Teil 4: Was hilft bei Depression? Zehn Anregungen (14.06.13)
Teil 5: Pillen oder Psychologen? Was hilft besser gegen Depression? (14.06.13)
Teil 6: Keinen Nerv für die Gesundheit: Diskriminierung schürt Depression (15.06.13)
Teil 7: HIV und Depression? Alles im Griff! (15.06.13)
Gesprächstherapien sind ein klassisches Mittel, um Depressionen zu behandeln. Manchmal aber ist die Krankheit so stark, dass nur Medikamente den Patienten für Gespräche empfänglich machen. Die Neurologin Gabriele Arendt berichtet über die vielfältigen Therapiemöglichkeiten bei Depression und die besonderen Herausforderungen für Menschen, die gleichzeitig mit HIV und mit einer Depression fertig werden müssen.
Frau Professorin Arendt, nach der Diagnose einer Depression empfehlen Sie manchen Patienten, einen HIV-Test machen zu lassen. Wie hängen HIV und Depression zusammen?
Auf sehr viele Arten. HIV kann unter anderem den Stoffwechsel der Neurotransmitter angreifen. Das sind die Botenstoffe, die das Gehirn ausschickt, damit unsere Nervenzellen miteinander kommunizieren können. Sie steuern auch unsere Stimmungen. Eine Störung kann Depressionen auslösen. Um diese Ursache besonders in Hauptbetroffenengruppen rechtzeitig diagnostizieren zu können, empfehlen wir einen HIV-Test.
Auch manche HIV-Medikamente gelten als „Motoren“ für eine Depression.
Ja, einige HIV-Medikamente begünstigen Depressionen, besonders Efavirenz. Vor allem in den ersten vier Wochen der Einnahme, in manchen Fällen auch noch wesentlich später. Efavirenz dringt gut ins Gehirn ein, kann aber zu starken zentralnervösen Symptomen, darunter auch zu Depressionen führen. Der genaue Verlauf der Krankheit ist aber noch nicht aufgeschlüsselt.
HIV-Therapien gelten inzwischen als gut verträglich. Ist die Depression die Schattenseite dieses Erfolgs?
So würde ich das nicht ausdrücken. Es ist schlicht die Nebenwirkung ansonsten hilfreicher Medikamente. Antiretrovirale Medikamente können auch Polyneuropathien oder eine Lipodystrophie verursachen. Efavirenz hat eben diese spezielle Nebenwirkung. Problematisch ist das nur für Leute, die zu Depressionen neigen.
Bei jeder Depression ist die Frage: Pille oder Psychologe? Wie entscheiden Sie, ob eine Depression mit Medikamenten oder mit einer Psychotherapie zu behandeln ist?
Ich halte es grundsätzlich für gut, wenn man eine Pharmakotherapie, also medikamentöse Behandlung, mit einer bearbeitenden Gesprächspsychotherapie verbindet. Das muss nicht immer eine große Psychotherapie sein, auch eine stützende Gesprächstherapie ist schon viel wert: Der Patient kann seine Gefühle schildern und gemeinsam mit dem Arzt den Ursachen seiner Depression nachspüren.
Schweigsamen Menschen verlangt die Gesprächstherapie mehr ab als redseligen
Ist die Wahl zwischen Präparat und Psychologie auch eine Frage des Typs?
Sie hängt mit der Persönlichkeit des Patienten zusammen. Einem schweigsamen Menschen verlangt eine Gesprächstherapie mehr ab als einem redseligen. Ich empfehle jedem Patienten eine langfristige Psychotherapie. Manche sagen mir dann: Nein, ich habe überhaupt keine Lust dazu, mein Innerstes zu outen. Diese Patienten wünschen sich ein Medikament, das ihr Gehirn zurechtrückt. In diesen Fällen sage ich: „Versuchen wir es mit einem Medikament. Wenn Ihnen das hilft, ist es gut. Aber wenn nicht, müssen wir noch mal darüber reden.“ Viele Menschen glauben einfach nicht daran, dass Sprechen hilft.
Ist Sprechen denn ein gutes Heilmittel?
Sprechen hilft sehr vielen Menschen, jedoch nur dann, wenn der Einzelne dafür aufgeschlossen ist. Aber mit dem entsprechenden Aufwand kann man die meisten für eine Gesprächstherapie gewinnen.
Wie viel Zeit muss man für eine Gesprächstherapie veranschlagen?
Das Minimum sind 35 Stunden, ein- bis zweimal pro Woche. Meist kommt man damit aber nicht aus. Eine große Psychotherapie zieht sich über mehrere Jahre hin, an drei bis fünf Tagen pro Woche. Das können natürlich nur wenige in ihren Tagesablauf einfügen.
Manche Psychiater halten Gesprächstherapien für verzichtbar
Konkurrieren Neurologen und Psychologen bei der Behandlung von Depressionen?
Es gibt durchaus Psychiater, die vor allem auf Medikamente setzen und Gesprächstherapien im Grunde für verzichtbar halten. Das war zumindest in den 1980er Jahren noch so. Inzwischen haben sich diese beiden Fachrichtungen einander angenähert. Allerdings gibt es noch immer gewisse Vorbehalte der sogenannten biologischen Psychiater, die Medikamente und Gesprächstherapie verbinden, gegenüber den Psychoanalytikern, die den Einsatz von Medikamenten kritisch sehen. Letztere versuchen, allein durch Gespräche mit dem Patienten die seelische Wurzel der Depression zu erfassen.
Wie sehen Sie das als Neurologin? Hat jede Depression eine tiefsitzende Wurzel?
Ja, ich kann diesen Ansatz nachvollziehen, aber nur wenn gilt: Die richtige Therapie zur richtigen Zeit. Es gibt Depressionen, die allein psychoanalytisch behandelt werden müssen. Und da ist der tiefenpsychologisch orientierte Psychologe, Psychotherapeut oder – ganz klassisch – der Psychoanalytiker der Mann oder die Frau der Stunde. Ohne sie geht es nicht. Aber diese Formen der Depression sind selten. Meistens ist eine Kombination der beiden Behandlungsmethoden die richtige Wahl.
Werden Antidepressiva heute zu schnell verschrieben?
Heute wird leider sehr schnell zu Antidepressiva gegriffen, auch von Nicht-Fachärzten. Das kann ich nicht befürworten. Antidepressiva gehören in die Hände eines Facharztes, also nur in die von Neurologen oder Psychiatern.
Ein Grund für den Pillenboom: die langen Wartefristen beim Psychologen
Was ist so verlockend an den „Glückspillen“?
Ein großes Problem sind die langen Wartezeiten bei Psychotherapien. Die Patienten klagen, dass sie beim Psychiater oder Psychotherapeuten erst sehr spät einen Termin bekommen. Diese lange Wartezeit versuchen primär betreuende Kollegen wie Allgemeinmediziner und Internisten verständlicherweise zu überbrücken. Und dann wird schnell zum Medikament gegriffen.
Wo liegen die Grenzen der Pillen?
Sie wirken gut, aber bei jedem Menschen anders. Zunächst geht es darum, das richtige Antidepressivum für den Patienten auszuwählen, abhängig von der Art der Depression, aber auch von individuellen Gegebenheiten im Gehirn. Das betrifft das Gebiet der sogenannten Pharmako-Genetik: Diese Forschungsrichtung untersucht, warum Herr Meier anders auf ein bestimmtes Medikament reagiert als Frau Müller. Diese aufstrebende Wissenschaft wird, wenn sie Erfolg hat, uns sehr weiterhelfen. Bisher sind wir allein auf eine gute Anamnese angewiesen, um das richtige Medikament auszuwählen.
Was gibt es noch für Nachteile?
Jedes Medikament hat gewisse Nebenwirkungen. Der Patient muss bereit sein, sie in Kauf zu nehmen, zum Beispiel eine eingeschränkte Sexualfunktion. Eine optimale medikamentöse Einstellung hält die Nebenwirkungen gering. Aber das bedeutet, dass man am Anfang der Therapie auch mal einige Präparate durchprobieren muss, um diesem Ideal nahezukommen.
Schwerste Formen der Depression lassen die Erkrankten fast dement wirken
Als Neurologin empfehlen Sie bei einer HIV-Infektion eine sorgfältige Gehirnuntersuchung. Warum?
HIV befällt bestimmte weiße Blutkörperchen, die bis ins Gehirn wandern. Auch dort kann sich HIV ausbreiten. Unbehandelt kann es dann zu einer HIV-Demenz oder einer HIV-Enzephalopathie kommen. Das sind Schädigungen des Gehirns, die zum Beispiel die Motorik, das Gedächtnis und auch die Emotionen betreffen. Dabei kann es leicht zu einer Depression kommen. Schwere HIV-Demenzen kommen in Deutschland aber dank wirksamer HIV-Therapien kaum noch vor.
Eine Depression kann bei HIV-Positiven also auch rein körperliche Ursachen haben?
Das muss man sehr genau prüfen. In vielen Fällen ist es auch umgekehrt: Eine schwere Depression kann sogar eine HIV-Demenz vortäuschen. Sie kann das Denken und Handeln von HIV-Patienten quasi einfrieren. Die Vitalität ist vollkommen heruntergefahren. Dadurch wirkt der Patient dement, obwohl er es gar nicht ist. Man nennt diesen Zustand Pseudodemenz.
Wie hoch sind die Heilungschancen bei einer Depression?
Die Rückfallraten sind zwar sehr hoch, zwischen 50 und 70 Prozent. Wer einmal eine depressive Phase hatte, wird im Lauf seines Lebens sehr wahrscheinlich noch weitere haben. Trotzdem sind die Therapieaussichten gut: Wenn ein Patient die Symptome erkennt und rechtzeitig einen Arzt seines Vertrauens aufsucht, dann ist die Therapie gelungen: Der Patient hat gelernt, seinen Gesundheitszustand realistisch einzuschätzen und holt sich notfalls Unterstützung – und zwar bevor er in das dunkle Loch gefallen ist.
Anteilnahme ist wichtig, aber bei schweren Depressionen sind Laien machtlos
Können auch Freunde und Familienmitglieder diese Unterstützung bieten?
Das kommt auf den Grad der Depression an. Wenn die Depression eine Reaktion auf akute Umwelteinflüsse ist, dann können Freunde und Verwandte sie erfolgreich abfangen. Wenn sie aber sehr stark ausgeprägt ist, gelingt das nicht, denn dann kann der Patient die Zuwendung seiner Angehörigen gar nicht annehmen. Wenn eine Depression diesen Grad erreicht hat, sind Laien machtlos.
Ist dann die Gabe von Antidepressiva unausweichlich?
So ist es. Bei einer solch schweren Ausprägung kommen auch Psychiater oder Psychologen mit Gesprächen nicht mehr weiter. Der Patient lächelt dann nur leicht und sagt: „Sie meinen es gut, aber Sie können mir nicht helfen. Mir kann niemand helfen.“ Um diese Stimmung niederzuringen, braucht man ein Medikament. Das sind Stoffwechselstörungen im Gehirn, die man nur mit pharmakologischen Mitteln mildern kann. Besonders kritisch ist diese Situation deswegen, weil die geschilderten Verhaltensweisen auf eine Selbstmordgefährdung hindeuten können. Deshalb ist größte Sorgfalt und Vorsicht angebracht.
Was tun Sie, wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Patient könnte sich etwas antun?
Das ist eine der schwierigsten Situationen überhaupt. Es gibt ja auch Gesetze, die mich als Ärztin zwingen, bei Suizidverdacht eine Einweisung in eine geschlossene Anstalt zu veranlassen. Eine solche Einweisung ist eine der gravierendsten Erfahrungen im Leben eines Menschen und fördert nicht gerade das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Unter Umständen ist der Patient später dankbar, wenn es ihm wieder besser geht. Aber im Moment der Einweisung ist das Verhältnis zu ihm oft empfindlich gestört.
In den letzten Jahren gab es viele Berichte über die Erfolge der HIV-Medizin: Positive können heute ein fast völlig normales Leben führen. Wer zu Depressionen neigt, dürfte sich von solchen Botschaften unter Druck gesetzt fühlen.
Ja, das gilt gerade für diejenigen HIV-Positiven, die vor vielen Jahren ihre Diagnose erhielten, schon mit dem Leben abgeschossen hatten und nun erfahren: Alles ist wieder offen, das Leben geht weiter – und zwar mit allen Verpflichtungen, die das mit sich bringt. Heute gibt es viele HIV-Patienten, die sehr gute Blutwerte haben, aber dennoch über Gedächtnisschwäche oder Konzentrationsmängel klagen. Das Virus ist ja nicht weg, es ist weiter im Organismus, etwa wie eine chronische Grippe – und die kann sich durchaus in Form einer verminderten intellektuellen Präsenz bemerkbar machen. Man kann zum Beispiel dem Arbeitsstress nicht ohne weiteres standhalten. Aber bei Angehörigen, Arbeitgebern und vor allem bei den Rentenbehörden gilt man als völlig gesund. Man fühlt sich nicht fit, aber alle schauen einen auffordernd an und sagen: „Nun stell dich nicht so an!“ Das ist ein enormer psychischer Druck.
Interview: Philip Eicker
Gabriele Arendt ist Ärztin und Professorin am Universitätsklinikum der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Ihre Arbeitsgruppe „Neurologische HIV-Ambulanz“ erforscht seit 1987 durch HIV hervorgerufene Erkrankungen des Nervensystems.
Das Dossier HIV & Depression im Überblick
Teil 1: Depression – die unbekannte Volkskrankheit (13.06.13)
Teil 2: Grenzen der Belastbarkeit (13.06.13)
Teil 3: “Von Hühnern und Rosinen” – Paar-Reportage (13.06.13)
Teil 4: Was hilft bei Depression? Zehn Anregungen (14.06.13)
Teil 5: Pillen oder Psychologen? Was hilft besser gegen Depression? (14.06.13)
Teil 6: Keinen Nerv für die Gesundheit: Diskriminierung schürt Depression (15.06.13)
Teil 7: HIV und Depression? Alles im Griff! (15.06.13)
Im Umgang mit einer Depression gibt es keine „goldenen Regeln“, die für alle gelten. Das macht die Behandlung so schwierig. Aber es gibt Mittel und Wege, um depressiven Schüben Herr zu werden. Zehn Anregungen, die bei einer Depression helfen könnten.
1 Professionelle Hilfe in Anspruch nehmen
Das Gute an einer Depression: Die Heilungschancen sind hoch. Meistens klingt sie nach einigen Monaten von alleine ab. Nimmt sie jedoch zu, kommt man nicht mehr ohne fremde Hilfe aus der Abwärtsspirale heraus. Man sollte daher professionelle Unterstützung suchen, auch wenn es sehr schwer fällt. Ein Arzt des Vertrauens kann weiterhelfen. Erste Hilfe kann auch die Telefonseelsorge leisten: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, kostenlos aus dem Festnetz).
2 Eine Psychotherapie erwägen
Für die Behandlung einer Depression ist das Gespräch von großer Bedeutung. Vielen hilft es, wenn sie über ihre Sorgen sprechen können. Eine Psychotherapie ist dafür ein professioneller Rahmen. Sie ist mühsam, kann aber langfristig einen Ausweg aus der Depression weisen. Für die Wahl des richtigen Psychotherapeuten gibt es keine Faustregel. Aber: Die „Chemie“ muss stimmen. Im Laufe einer Psychotherapie kommt es auch zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten. Vertrauen in den Therapeuten ist daher Grundvoraussetzung.
3 Antidepressiva in Betracht ziehen
Medikamente können bei einer Depression hilfreich sein. Gerade in Hochphasen wirken sie erleichternd und ermöglichen zum Beispiel die Teilnahme an einer Gesprächstherapie. Man muss sie ja nicht ein Leben lang einnehmen.
4 Medikamente nicht selbst verordnen
Schlaf-, Schmerz- oder Beruhigungsmittel sollte man nie ohne Rücksprache mit Arzt oder Therapeut einnehmen. Das gilt besonders bei einer Depression. Die Gefahr gesundheitlicher Schäden ist hoch. Bei einer HIV-Therapie gilt außerdem: Vorsicht bei Johanniskraut. Dieses Hausmittel gegen Verstimmungen beschleunigt den Abbau von HIV-Medikamenten und verändert so deren Wirkung. Der HIV-Schwerpunktarzt kann Alternativen empfehlen.
5 Den Tag strukturieren
So wie eine Depression das seelische Gleichgewicht aus dem Lot bringen kann, kann sie auch den Tagesrhythmus beeinträchtigen. Vielen Betroffenen hilft es, wenn sie ihrem Tag eine feste Struktur geben: Aufstehen. Duschen. Frühstück. Mittagessen. Kaffeepause – alles zu einer festen Uhrzeit. Auch regelmäßige Unternehmungen können den Tag überbrücken. Zum Beispiel ein Treffen mit einem guten Freund. Wichtig: Die Tagespunkte sollten nicht zu dicht gesetzt werden. Sonst können sie leicht überfordern.
6 In Bewegung bleiben
Bewegung wirkt wie ein Antidepressivum: mäßiger Dauerlauf, Spaziergänge oder Ausflüge mit dem Rad. Die körperliche Aktivität stärkt das Wohlbefinden und beugt einer Depression vor. Wichtig dabei ist, dass man sich realistische Ziele setzt. Wer sich zu viel zumutet, geht das Risiko einer Enttäuschung oder Erschöpfung ein. Das kann die Depression verstärken.
7 Bei Alkohol und Drogen zurückhalten
Alkohol und andere Drogen machen einen depressiven Schub vielleicht erträglicher. Langfristig aber können sie die Depression verstärken und zu einer Verfestigung der Krankheit führen.
8 Gefühle ernst nehmen
Empfindungen sollte man weder dramatisieren noch bagatellisieren. Jeder Mensch hat depressive Phasen, sie gehören zum Leben dazu. Gerade eine HIV-Diagnose kann sehr belasten, gleiches gilt für den Beginn einer HIV-Therapie. Jeder zweifelt ab und zu an sich selbst. Entscheidend ist, mögliche Warnsignale einer dauerhaften Depression zu erkennen. Ein erster Hinweis sind regelmäßige Schlafstörungen, ein sehr deutliches Signal sind Selbstmordgedanken.
9 Kontakt zu Angehörigen halten
Freundschaften und Familie leiden unter einer Depression. Es fällt schwer, Kontakt zu halten und Gespräche zu führen. Betroffene sollten trotzdem versuchen, den Kontakt zu Partnern, Freunden oder Familie nicht abreißen zu lassen – so gut das eben geht. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, sich wenigstens einmal am Tag oder in der Woche zu festen Zeiten zu einer gemeinsamen Unternehmung zu verabreden.
10 Zur Seite stehen
Freunde und Angehörige eines an Depression Erkrankten sind wichtige Unterstützer: Sie können Verständnis zeigen, Ängste nehmen und Hilfe vermitteln – etwa indem sie gemeinsam mit dem Erkrankten nach einem Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe suchen. Die Unterstützung sollte aber nicht in Bevormundung umschlagen. Die Situation ist für alle Beteiligten schwierig, gerade bei der Langzeitbehandlung ist viel Geduld erforderlich. Angehörige sollten daher auch auf die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit achten.
Zusammenstellung: Michael Thiele/Philip Eicker
Das Dossier HIV & Depression im Überblick
Teil 1: Depression – die unbekannte Volkskrankheit (13.06.13)
Teil 2: Grenzen der Belastbarkeit (13.06.13)
Teil 3: “Von Hühnern und Rosinen” – Paar-Reportage (13.06.13)
Teil 4: Was hilft bei Depression? Zehn Anregungen (14.06.13)
Teil 5: Pillen oder Psychologen? Was hilft besser gegen Depression? (14.06.13)
Teil 6: Keinen Nerv für die Gesundheit: Diskriminierung schürt Depression (15.06.13)
Teil 7: HIV und Depression? Alles im Griff! (15.06.13)
Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Turmfalke